Eine Zahl, die sich still und leise fast verdoppelt hat. Mitarbeiter, die laut Berichten kurz nachdem sie meldeten, was sie gefunden hatten, aus dem Unternehmen gedrängt wurden. Und im Hintergrund eine Präsidentenbegnadigung sowie ein Geschäftsabkommen mit dem Familienunternehmen des amtierenden US-Präsidenten. Das ist keine Neuauflage der alten Geschichte. Es ist eine andere Geschichte, mit einer anderen Zahl — und einem Detail, das es in der früheren Berichterstattung nicht gab.
Von 850 Millionen auf 1,7 Milliarden: Die neue Zahl der New York Times
Im Mai 2023 berichtete das Wall Street Journal, Binance habe zwischen 2018 und 2022 rund 850 Millionen Dollar an Transaktionen iranischer Nutzer abgewickelt und dabei US-Sanktionen umgangen. Auch wir berichteten damals darüber (siehe unseren früheren Artikel zu Binance und den WSJ-Vorwürfen): CEO Richard Teng bezeichnete die Darstellung als „fundamentally inaccurate", grundlegend falsch.
Diese Geschichte blieb bei 850 Millionen stehen. Am 23. Februar 2026 nannte die New York Times, gestützt auf interne Firmendokumente, eine deutlich höhere Zahl: 1,7 Milliarden Dollar. Laut der Recherche der Zeitung hatten Binances eigene interne Ermittler mehr als 1.500 Konten identifiziert, die iranischen Nutzern zuzuordnen seien und die dem Bericht zufolge noch lange nach ihrer Einstufung als Hochrisikokonten aktiv auf der Plattform geblieben sein sollen.
Der Sprung von 850 Millionen auf 1,7 Milliarden ist keine bloße buchhalterische Korrektur: Es ist die Verdopplung einer Zahl, die bereits 2023 wochenlange Schlagzeilen und eine Untersuchung des US-Finanzministeriums ausgelöst hatte. Sollten sich die von der NYT zitierten Dokumente bestätigen, lautet die Frage nicht mehr „hatte Binance iranische Nutzer", sondern „wie lange — und wer im Unternehmen wusste davon".
Wer die Transaktionen entdeckte — und was danach mit ihnen geschah
Hier weicht die Geschichte von 2026 deutlich von der aus 2023 ab. Laut Recherche der New York Times handelte es sich nicht nur um ein unbeantwortet gebliebenes Compliance-Problem: Mindestens vier Mitarbeiter des Teams, das verdächtige Transaktionen aufspüren sollte, seien in den Monaten nach ihren internen Meldungen zu iranischen Konten entlassen oder suspendiert worden.
Mit der gebotenen Vorsicht muss festgehalten werden: Die von der NYT zitierten Dokumente belegen keinen definitiven, direkten kausalen Zusammenhang zwischen den Meldungen und den Entlassungen — es ist die von der Zeitung rekonstruierte zeitliche Abfolge, die die Frage aufwirft. Uns liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels keine öffentlichen Stellungnahmen von Binance vor, die die einzelnen von der New York Times zitierten Personalfälle im Detail erklären würden. Sollten solche erscheinen, aktualisieren wir den Artikel.
Überprüfbar ist der Kontext: ein Unternehmen, das 2023 bereits Ziel einer journalistischen Recherche zu iranischen Nutzern war, bei dem 2026 — wieder aus internen Quellen — eine verdreifachte Zahl auftaucht, und in dem laut derselben Quelle diejenigen, die intern die Hand hoben, nicht auf ihrer Position blieben.
Zeitleiste: Von internen Meldungen bis zur Begnadigung von CZ
Die Daten in eine Reihe zu bringen hilft zu verstehen, warum diese Geschichte heute ein anderes Gewicht hat als vor drei Jahren.
- 2018–2022: Zeitraum, in dem laut WSJ (2023) die 850 Millionen Dollar an iranischen Transaktionen geflossen sein sollen.
- 2023: Das Wall Street Journal veröffentlicht seine Recherche. Binance-CEO Richard Teng nennt sie „fundamentally inaccurate".
- 2023–2025: Laut von der New York Times zitierten Dokumenten soll die tatsächliche Zahl der iranbezogenen Transaktionen auf 1,7 Milliarden Dollar gestiegen sein, mit mehr als 1.500 betroffenen Konten.
- Oktober 2025: Präsident Donald Trump begnadigt Changpeng Zhao, den Gründer von Binance, der sich 2023 in den USA wegen Verstößen gegen das Bank Secrecy Act (Geldwäschebekämpfung) schuldig bekannt hatte und eine Haftstrafe verbüßt hatte.
- 2025: Im selben Zeitraum soll World Liberty Financial — das mit der Trump-Familie verbundene DeFi-Projekt — Geschäftsabkommen mit Binance geschlossen haben.
- 23. Februar 2026: Die New York Times veröffentlicht ihre Recherche zu den 1,7 Milliarden Dollar und den entlassenen Mitarbeitern.
Für sich genommen ist jeder dieser Punkte eine mit eigener Quelle belegte Tatsache. Aneinandergereiht ergeben sie eine Zeitleiste, die man so beschreiben sollte, wie sie ist: eine zeitliche Korrelation, kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Begnadigung, den Geschäften von World Liberty Financial und dem internen Umgang mit dem Iran-Fall. Keine der in diesem Artikel zitierten Quellen behauptet, es gebe eine direkte Verbindung zwischen diesen Ereignissen — aber die Tatsache, dass sie sich innerhalb weniger Monate aneinanderreihten, ist für sich genommen eine Information, auf die Leser ein Recht haben.
World Liberty Financial, die Trump-Familie und Binance
World Liberty Financial ist das 2024 unter Beteiligung der Trump-Familie gestartete Decentralized-Finance-Projekt (DeFi). Im Laufe des Jahres 2025 soll das Projekt laut verfügbaren Recherchen Geschäftsabkommen mit Binance geschlossen haben — derselben Börse, deren Gründer im selben Zeitraum die Präsidentenbegnadigung erhielt.
Es gibt bislang keinen öffentlichen Beweis, der die Geschäftsabkommen zwischen World Liberty Financial und Binance direkt mit der Entscheidung zur Begnadigung von Changpeng Zhao oder mit dem internen Umgang mit den Meldungen zu iranischen Konten verknüpft. Ebenso klar muss gesagt werden: Die zeitliche Überschneidung zwischen einem mit der Familie des Präsidenten verbundenen Unternehmen, das Geschäfte mit Binance macht, einer Präsidentenbegnadigung für den Gründer von Binance und einer journalistischen Recherche zu einer sich fast verdoppelnden Zahl sanktionierbarer Transaktionen ist die Art von Verflechtung, die in jeder anderen Branche zusätzliche öffentliche Prüfung nach sich ziehen würde.
Die Antwort von Binance
Wie bereits erwähnt, reagierte Binance auf die WSJ-Recherche von 2023 über CEO Richard Teng, der die Darstellung als „fundamentally inaccurate" bezeichnete. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels liegen keine spezifischen öffentlichen Stellungnahmen von Binance zur neuen, von der New York Times im Februar 2026 berichteten Zahl von 1,7 Milliarden Dollar vor, ebenso wenig zu den Entlassungen der vier in derselben Recherche genannten Mitarbeiter.
Dieser Artikel wird aktualisiert, sobald Binance eine offizielle, spezifische Antwort auf die Erkenntnisse der New York Times gibt. Der Fairness halber sei erwähnt, dass das Unternehmen stets öffentlich erklärt hat, Compliance- und Geldwäschebekämpfungsrichtlinien im Einklang mit internationalen Standards anzuwenden.
Die rechtliche Lage: OFAC-Sanktionen und der Fall Zanjani
Um zu verstehen, warum Transaktionen mit dem Iran nicht nur ein Reputations-, sondern ein handfestes rechtliches Problem darstellen, lohnt ein Blick auf den Sanktionsrahmen. Die Europäische Union unterhält seit Dezember 2012 spezifische Iran-Sanktionen. Die USA pflegen über das Office of Foreign Assets Control (OFAC) des Finanzministeriums ein eigenes, separates Sanktionsregime.
Ein Name, der im Kontext von Iran-Krypto-Sanktionen immer wieder auftaucht, ist Babak Zanjani, der iranische Geschäftsmann, der am 13. April 2013 auf die SDN-Liste (Specially Designated Nationals) der OFAC gesetzt und im Januar 2016, nach dem iranischen Atomabkommen (JCPOA), wieder von ihr gestrichen wurde. Zanjani wurde 2016 im Iran wegen eines Falls im Zusammenhang mit rund 2,7 Milliarden Dollar nicht zurückgezahlter staatlicher Öleinnahmen zum Tode verurteilt; die Strafe wurde 2024 in eine mildere Strafe umgewandelt. Sein Fall, getrennt von den durch WSJ und NYT beschriebenen Transaktionen, wird im Zusammenhang mit Iran und Finanzsanktionen häufig zitiert, weil er zeigt, wie komplex und wandelbar der Sanktionsstatus iranischer Geschäftspartner im Zeitverlauf sein kann — ein Konto kann in einem Moment sanktioniert sein und im nächsten nicht, was die Sorgfaltsprüfung für Krypto-Plattformen alles andere als einfach, aber deshalb nicht weniger verpflichtend macht.
Die Tatsache, dass die von der New York Times zitierten Konten Berichten zufolge über einen längeren Zeitraum aktiv blieben, nachdem sie intern gemeldet worden waren — sofern im Detail bestätigt —, wirft eine konkrete Compliance-Frage auf: nicht, ob Binance abstrakt über das Iran-Risiko Bescheid wusste (das wusste es, die WSJ-Recherche von 2023 hatte dies bereits öffentlich gemacht), sondern ob und wie das Unternehmen handelte, als seine eigenen Mitarbeiter konkrete Konten meldeten.
Fazit: Die offenen Fragen
Bis heute bleiben drei Fragen offen, die keine öffentliche Quelle bislang vollständig geklärt hat: warum die Zahl der iranbezogenen Transaktionen innerhalb von drei Jahren von 850 Millionen auf 1,7 Milliarden Dollar stieg; was genau mit den Mitarbeitern geschah, die laut New York Times die verdächtigen Konten meldeten; und ob die zeitliche Überschneidung zwischen der Begnadigung von Changpeng Zhao und den Abkommen zwischen World Liberty Financial und Binance bei den jeweiligen Entscheidungen eine Rolle spielte — wobei nochmals betont sei, dass es keinen Beweis für einen direkten Zusammenhang gibt.
Wir werden die Angelegenheit weiterverfolgen und diesen Artikel mit etwaigen offiziellen Stellungnahmen von Binance, World Liberty Financial oder dem Weißen Haus aktualisieren.
Für alle, die sich fragen, was das für einen gewöhnlichen Nutzer mit Guthaben bei Binance bedeutet: Keine der hier zitierten Recherchen betrifft die Sicherheit der Gelder einzelner europäischer Nutzer oder die Einhaltung der in der EU geltenden MiCA-Regeln durch die Börse — das bleibt ein separates, eigenständig geregeltes Thema (wir haben es in unserem Ratgeber zu [MiCA-zertifizierten Börsen](/guide/) behandelt). Diese Recherche handelt von etwas anderem: von der internen Unternehmensführung eines Konzerns mit hunderten Milliarden Dollar Handelsvolumen — und davon, wie er mit Warnungen aus den eigenen Reihen umgeht, oder eben nicht umgeht.
Zitierte Quellen: New York Times (23. Februar 2026); Wall Street Journal (Mai 2023); treasury.gov/news/press-releases/jl1893; Iran International; Times of Israel; The Block.