Noch 23 Tage. Am 30. Juni 2026 endet die MiCA-Übergangsphase: Jede Kryptobörse, die EU-Kunden Dienstleistungen anbieten will, benötigt eine gültige CASP — eine Crypto-Asset-Service-Provider-Lizenz, ausgestellt von einer zuständigen nationalen Behörde und der ESMA gemeldet. Ohne diese Lizenz ist der Betrieb in Europa nicht mehr zulässig.
Das offizielle ESMA-Register zählt derzeit 234 autorisierte CASPs in ganz Europa. Bitget ist nicht darunter.
Nicht aus mangelndem Bemühen. Der Exchange stellte im Jahr 2025 einen Antrag bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA), mit dem öffentlich kommunizierten Ziel einer Genehmigung im zweiten Quartal 2026 — eine Frist, die am 31. Mai ohne Ankündigung verstrichen ist. Direkte Wettbewerber haben die Ziellinie längst überquert: Bybit EU GmbH erhielt ihre CASP von derselben FMA Österreich am 28. Mai 2025 — ein volles Jahr vor der endgültigen Deadline.
Oberflächlich betrachtet klingt das nach bürokratischen Verzögerungen. Ein genauerer Blick offenbart jedoch drei Details, die den Fall Bitget zu mehr machen: eine italienische Gesellschaft in Liquidation, die ihre VASP-Registrierung mit null Mitarbeitern und null Umsatz aufrecht erhält; ein europäischer CEO, dessen jüngste EU-Regulierungserfahrung mit einem behördlichen Verbot endete; und ein Geschäftsmodell — die Broker-Struktur — das kein Exchange dieser Größe im post-MiCA-Europa bisher versucht hat.
Die Frist, die alles ändert: MiCA in der Entscheidungsphase
Der 30. Juni 2026 ist kein symbolisches Datum. Er markiert das Ende der Übergangsfrist, die die MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets, EU-Verordnung 2023/1114) für Crypto-Asset-Service-Provider vorsieht. Ab diesem Datum müssen alle Anbieter, die europäischen Bürgern Krypto-Handels-, Verwahrungs- oder Transferdienstleistungen anbieten, unter einer gültigen CASP operieren.
Eine CASP ist kein administratives Update der alten VASP-Registrierung. Sie ist eine vollwertige erstrangige Lizenz mit erheblichen Anforderungen: Mindestkapital zwischen 50.000 und 150.000 Euro je nach Dienstleistungsumfang, interne Governance-Anforderungen, Trennung von Kundenvermögen, von der zuständigen Behörde geprüfte AML/KYC-Compliance und periodische Berichtspflichten. Für große Exchanges belaufen sich die tatsächlichen Compliance-Kosten — Rechtsberatung, IT-Systeme, Compliance-Personal, Kapitalanpassung — auf Millionen von Euro.
Bis zum 30. Juni können Exchanges mit einer nationalen VASP-Registrierung in einem Mitgliedstaat im Übergangsmodus weiterbetreiben. Ab dem 1. Juli endet diese Regelung. Nur die CASP zählt.
Die französische Finanzmarktaufsicht AMF hat bereits Maßnahmen angekündigt: Präsidentin Marie-Anne Barbat-Layani erklärte, dass rund neunzig in Frankreich aktive Exchanges ab dem 30. Juni auf die schwarze Liste gesetzt werden, sofern sie keine CASP erhalten haben. Die aufschlussreichste Zahl: Vierzig Prozent der in Frankreichs VASP-Liste registrierten Betreiber haben nicht einmal einen Antrag gestellt — keine Verzögerung, sondern eine bewusste Entscheidung.
Das ESMA-Register zählt zum Stand 28. Mai 2026 insgesamt 234 autorisierte CASPs in ganz Europa. Unter den auffälligen Abwesenheiten: Bitget.
Bitgets europäische Lizenzlandschaft vor MiCA
Vor Wien stand ein langer Weg nationaler Zulassungen. Bitget baute seine europäische Präsenz schrittweise durch nationale VASP-Registrierungen auf: Litauen, Polen, Italien, Vereinigtes Königreich und schließlich, am 14. Februar 2025, Bulgarien.
An jenem Tag veröffentlichte Bitgets Chief Legal Officer Hon Ng eine Pressemitteilung via GlobeNewswire, in der er die bulgarische VASP-Lizenz der National Revenue Agency als „Teil von Bitgets Expansionsstrategie zur Bedienung von Nutzern in der Europäischen Union" und Bulgarien als „strategisches Gateway für unsere europäische Expansion" beschrieb. Das Schlüsselwort war bereits enthalten: „Wir bereiten uns aktiv auf die Einhaltung des MiCA-Rahmens der EU vor."
Auf österreichischer Seite gründete Bitget EU GmbH im Januar 2026 seinen Hauptsitz in Wien und stellte formal einen CASP-Antrag bei der FMA. Öffentlich kommuniziertes Ziel: zweites Quartal 2026. Dieses Quartal endete am 31. Mai 2026.
Die FMA veröffentlicht keine Listen laufender Anträge. Es ist von außen nicht möglich zu erfahren, wie weit die Bitget-Prüfung fortgeschritten ist, ob der Antrag als formal vollständig eingestuft wurde oder ob ergänzende Dokumente angefordert wurden. Die geschätzte Bearbeitungszeit der FMA für einen vollständigen Antrag beträgt vierzig bis sechzig Arbeitstage. Mit weniger als vier Wochen bis zum 30. Juni schließt sich das Zeitfenster.
Evergreencrest Italy: Die Lizenz eines Unternehmens, das nicht mehr existiert
Hier verdichtet sich die Geschichte.
Das OAM-Register — Italiens Organismo Agenti e Mediatori, die öffentlich zugängliche Datenbank der Anbieter von Kryptowährungsdienstleistungen auf organismo-am.it — führt unter der Registrierungsnummer PSV91 folgende Einheit: EVERGREENCREST ITALY S.R.L. IN LIQUIDAZIONE (in Liquidation). Registrierungsdatum: 31. Januar 2023. Registrierte Website: www.bitgetx.it.
„In Liquidation" ist kein nebensächliches Detail. Es bedeutet, dass die Gesellschaft sich formal im Prozess der Auflösung und Abwicklung befindet. Wir haben die für das Geschäftsjahr 2025 hinterlegten Bilanzdaten überprüft: Umsatz null Euro. Null Mitarbeiter. Negatives Eigenkapital von minus zweiundvierzigtausend Euro.
Die Website bitgetx.it ist nicht erreichbar. Die Domain löst nicht auf — sie gibt einen Fehler für unbekannten Host zurück. Es gibt in der Praxis keine funktionierende Webpräsenz, die mit dem in Italien registrierten VASP-Betreiber für Bitget verbunden ist.
Dennoch trägt Evergreencrest Italy S.R.L. im OAM-Register weiterhin den Status „ISCRITTA" — registriert und aktiv.
Wie ist das möglich? Die Eröffnung eines Liquidationsverfahrens löst keine automatische Löschung aus dem OAM-Register aus. Das Unternehmen behält seine Registrierung, bis eine ausdrückliche Streichung angeordnet wird oder bis das Liquidationsverfahren mit der Löschung aus dem Handelsregister abgeschlossen ist. In der Zwischenzeit — ein Prozess, der Jahre dauern kann — zeigt das OAM-Register einen scheinbar „autorisierten" Betreiber mit null Mitarbeitern, null Umsatz und einer seit Monaten offline geschalteten Website.
Italienische Nutzer, die über bitget.com auf Bitget zugreifen, interagieren nicht mit Evergreencrest Italy. Bitget bedient europäische Kunden über seine globale Konzernstruktur — und wird dies, sobald eine CASP vorliegt, über Bitget EU GmbH in Wien tun. Evergreencrest Italy war die lokale italienische Präsenz. Diese Präsenz existiert operativ nicht mehr.
Die weitreichendere Frage ist systemischer Natur: Der OAM-Mechanismus sieht keine automatische Aktualisierung vor, wenn eine eingetragene Einheit in Liquidation geht. Die regulatorische Lücke hält ein Phantom-VASP im Register am Leben.
Oliver Stauber: Der Mann, der zwei europäische CASPs aus der Nähe erlebt hat
Die Person, die Bitgets CASP-Antrag bei der FMA Österreich leitet, ist Oliver Stauber, am 28. Januar 2026 zum CEO von Bitget EU GmbH ernannt.
Bitgets offizielle Mitteilung bezeichnete ihn als „Bitpanda-Veteranen" — eine Anspielung auf seine frühere Rolle als Chief Legal Officer bei der österreichischen Börse. Zutreffend, aber unvollständig. Vor Bitget war Stauber Managing Director der KuCoin EU Exchange GmbH — der europäischen Tochtergesellschaft von KuCoin mit Sitz in Wien, reguliert von derselben FMA Österreich.
Die chronologische Dokumentation:
27. November 2025: FMA Österreich erteilt KuCoin EU Exchange GmbH eine CASP. Oliver Stauber ist amtierender Managing Director.
19. Februar 2026: Dieselbe FMA erlässt eine Verbotsverfügung gegen KuCoin EU GmbH und untersagt die Aufnahme neuer Kunden. Offiziell genannte Gründe: organisatorische Mängel in der AML-Compliance — sowohl die Stelle des AML-Beauftragten als auch die des Sanctions Compliance Officers waren nach dem Ausscheiden ihrer Inhaber vakant geblieben.
Ende Februar/Anfang März 2026: Stauber verlässt KuCoin EU GmbH.
28. Januar 2026: Stauber war bereits als CEO von Bitget EU GmbH bekanntgegeben worden — die Pressemitteilung von Bitget datiert Ende Januar, die FMA-Verfügung Mitte Februar.
Wir behaupten nicht, dass Stauber persönliche Verantwortung für die AML-Mängel bei KuCoin EU trägt. Die FMA hat in ihrer öffentlichen Mitteilung keine Personen namentlich genannt, und KuCoin hat die Maßnahme angefochten und seine Compliance-Struktur teilweise neu aufgebaut (neue AMLO Carmen Kleinhans, ernannt April 2026). Was die Dokumentation zeigt: Die Person, die Bitget heute vor der FMA Österreich vertritt, ist dieser Behörde bereits aus einem anderen Vorgang bekannt — einem, der vorläufig mit einer Verbotsverfügung endete.
Die FMA kennt Oliver Stauber. Stauber kennt die FMA. Ob dies einen Verhandlungsvorteil oder einen unangenehmen Präzedenzfall darstellt, lässt sich derzeit nicht bestimmen.
Das Broker-Modell: Die Wette, die noch niemand gemacht hat
Es gibt ein Element der europäischen Strategie von Bitget, das bisher wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Als CoinTelegraph Stauber Ende Januar 2026 interviewte, beschrieb der CEO das geplante Betriebsmodell von Bitget EU mit ungewöhnlicher Präzision: Die österreichische Einheit wird als Broker operieren, nicht als Exchange.
Der Unterschied ist strukturell. Ein Exchange bringt Käufer und Verkäufer auf einem Markt zusammen; ein Broker agiert als direkte Gegenpartei jeder Kundentransaktion und bezieht Liquidität von unabhängigen Anbietern. Für den Nutzer sieht das Ergebnis — Kauf oder Verkauf von Krypto — identisch aus. Die Rechtsstruktur, das Risikomanagement und die Gegenpartei-Exponierung auf der anderen Seite sind grundlegend verschieden.
Im MiCA-Rahmen fallen beide Modelle unter die CASP-Definition — aber Kapitaladäquanzanforderungen, Marktrisikomanagement und Best-Execution-Verpflichtungen sind für einen Broker anders kalibriert als für einen reinen Exchange. Das Broker-Modell hat regulatorische Logik: Es reduziert die Exponierung gegenüber fragmentiertem Gegenparteirisiko, vereinfacht die Berichtsstruktur und konzentriert die Haftung in einer einzigen juristischen Person.
Es ist auch ein Modell, das Bitgets europäische Nutzerbasis bisher nicht in dieser Form erlebt hat — und für das noch keine konsolidierten MiCA-Aufsichtspräzedenzfälle existieren. Eine gut strukturierte regulatorische Wette — aber eine Wette.
Wer die Ziellinie bereits überquert hat
Bybit EU GmbH ist der Maßstab: CASP von der FMA Österreich datiert 28. Mai 2025, Registrierungsnummer FN 636180i, europäischer Pass in allen 29 EWR-Staaten aktiv. Bybit bewegte sich ein Jahr vor der Deadline. Der CEO räumte öffentlich ein, dass die Profitabilität im post-MiCA-Europa schwieriger als erwartet ist — die Lizenz existiert jedoch.
Bitvavo (Niederlande), Coinbase EU (Irland), Kraken über Payward Europe und Bitpanda (Österreich) sind alle unter gültigen CASPs operativ. OKX erhielt seine Lizenz in Malta. Spaniens CNMV-Liste der passierten Betreiber zählt über hundert Einheiten — keine davon ist Bitget.
KuCoin EU Exchange GmbH ist der Grenzfall. Die CASP ist technisch im ESMA-Register aktiv (FMA Österreich, 27. November 2025). Doch seit dem 19. Februar 2026 verbietet die FMA die Aufnahme neuer Kunden. KuCoin hat seine AML-Struktur neu aufgebaut und führt ein Verwaltungsbeschwerdeverfahren. Bestehende Kunden können weiterhin handeln; kein neuer europäischer Nutzer kann sich registrieren.
Dies ist der nächste vorhandene Präzedenzfall für das Szenario, mit dem Bitget konfrontiert sein könnte — mit dem entscheidenden Unterschied, dass KuCoin seine CASP bereits hatte, als das Verbot kam, während Bitget noch gar keine CASP besitzt.
Drei Szenarien für den 30. Juni: Was europäische Nutzer wissen sollten
Szenario A — Die CASP kommt rechtzeitig. Die FMA genehmigt den Antrag von Bitget EU GmbH vor dem 30. Juni. Der europäische Pass wird der ESMA gemeldet. Der Exchange operiert weiterhin ohne Unterbrechung für europäische Nutzer. Für Nutzer: keine praktischen Auswirkungen.
Szenario B — Technische Verlängerung. Einige EU-Jurisdiktionen könnten kurze nationale Fristverlängerungen für Betreiber mit anhängigem Antrag bei einer zuständigen Behörde gewähren. Dies ist kein durch MiCA garantiertes Recht, aber ein Präzedenzfall aus anderen europäischen Regulierungsübergängen. Unter diesem Szenario könnte Bitget bis zum formalen Abschluss des Verfahrens weiterhin operieren.
Szenario C — Vorübergehender Rückzug aus dem EU-Markt. Sollte die CASP nicht bis zum 30. Juni vorliegen und keine Verlängerung verfügbar sein, müsste Bitget die Dienste für in der EU ansässige Kunden aussetzen. Dies wäre keine notwendigerweise permanente Schließung — aber sie würde das Blockieren neuer Einzahlungen, die Aussetzung des Handels für EU-Ansässige und potenziell die Zwangsabwicklung offener Derivatepositionen bedeuten.
Bitget hat seinen Standpunkt bereits deutlich kommuniziert: Es wird "davon absehen, Dienstleistungen im Europäischen Wirtschaftsraum anzubieten, bis die entsprechende Genehmigung erteilt wird." Dies ist rechtliche Compliance-Sprache, keine Betriebsankündigung — sie spiegelt jedoch ein explizites Bewusstsein für das regulatorische Risiko wider.
Europäische Nutzer mit Vermögenswerten bei Bitget sollten die offiziellen Mitteilungen in den kommenden Wochen aufmerksam verfolgen. MiCA-konforme Alternativen sind operativ und zugänglich: Bitvavo für Nutzer in den Niederlanden und Mitteleuropa, Kraken EU für Sicherheitsorientierte, Coinbase EU für einfache Benutzeroberflächen, Bybit EU für ein vollständiges Produktangebot mit vollständiger MiCA-Compliance.
Schlussfolgerung
Der Fall Bitget sagt etwas Breiteres über Europas Krypto-Übergang aus. Dies ist nicht die Geschichte einer betrügerischen Börse oder eines Unternehmens auf der Flucht vor Regulierung. Es ist die Geschichte einer Plattform mit hundert Millionen globalen Nutzern, die ihre europäische Präsenz durch nationale Vor-MiCA-Lizenzen aufbaute — Bulgarien, Italien, Polen, Litauen —, nur um festzustellen, dass dieses Gerüst das Gewicht einer CASP nicht trägt.
Die in Liquidation befindliche italienische Einheit mit null Mitarbeitern, das verpasste Q2-Ziel, die europäische Laufbahn des CEO: Das sind Fragmente eines Bildes, das noch nicht vollständig ist. Die CASP könnte morgen kommen. Oder nicht vor dem 30. Juni.
Was wir mit Sicherheit wissen: Die Frist wartet auf niemanden. Und das ESMA-Register mit seinen 234 Namen enthält Bitgets Namen noch nicht.
Die Daten waren alle öffentlich zugänglich. Es fehlte nur jemand, der sie alle zusammen las.
Quellen: OAM-Register organismo-am.it (PSV91, Evergreencrest Italy S.r.l. in Liquidation); ESMA CASP Register CSV heruntergeladen am 28.05.2026 (234 autorisierte CASPs); FMA Österreich Bescheid gegen KuCoin EU Exchange GmbH 19.02.2026; CoinTelegraph Interview mit Oliver Stauber 28.01.2026; GlobeNewswire Pressemitteilung Bitget Bulgarien VASP 14.02.2025; AMF France Stellungnahme Präsidentin Marie-Anne Barbat-Layani; Jahresabschluss Evergreencrest Italy S.r.l. GJ2025 (xrayfinance.it); CNMV Liste passportierter Betreiber in Spanien (Konsultation Mai 2026)