Eine Milliarde Dollar. So viel hat Pump.fun — die Plattform, die den Start von Meme-Coins auf Solana zu einem täglichen Ritual für Millionen Trader gemacht hat — seit Januar 2024 an kumulierten Gebühren eingenommen, laut DeFiLlama-Daten mit Stand 28. Juli 2026: 1,152 Mrd. Dollar Gesamtgebühren, 1,069 Mrd. Dollar Nettoumsatz. Im selben Zeitraum wurden über 8 Millionen Token auf der Plattform erstellt. Weniger als 2 % haben je die "Bonding Curve" überschritten — die Schwelle, die ein Projekt von einem Experiment zu einem tatsächlich auf einer dezentralen Börse handelbaren Token macht. Fast alle anderen — die überwältigende Mehrheit — starben binnen Stunden, oft binnen Minuten.

Pump.fun rug pull investigation cover art — Solana meme coin graveyard

Zeitgleich liegt eine Bundesklage wegen organisierter Kriminalität (RICO) seit fünf Monaten auf dem Schreibtisch einer Richterin in Manhattan, die noch kein Urteil gefällt hat. Und während sie wartet, hat die Plattform gerade eine Stelle als Chief Legal Officer mit einem Gehalt von bis zu 5 Millionen Dollar pro Jahr ausgeschrieben.

All das ist passiert — und passiert weiter —, ohne dass eine einzige Codezeile gegen das Gesetz verstoßen hätte. Hier beginnt die Geschichte.


Der Meilenstein von 1 Mrd. Dollar Umsatz: eine Maschine, die nicht stoppt

DeFiLlama-Grafik der historischen Gebühren und Einnahmen von Pump.fun
Kumulierte Gebühren und Einnahmen von Pump.fun seit dem Start (Quelle: DeFiLlama, 28.7.2026)

Pump.fun ging am 19. Januar 2024 live. In etwas mehr als zweieinhalb Jahren wurde die Plattform zu einer der profitabelsten Anwendungen, die je auf einer Blockchain gebaut wurden. Der absolute Höhepunkt bleibt das erste Quartal 2025, als die Plattform in drei Monaten 263,82 Mio. Dollar an Gebühren einnahm — eine Zahl, die kein späteres Quartal je wieder erreichte. Von dort fiel die Kurve fast linear: 144,2 Mio. Dollar im zweiten Quartal 2025, dann 110,5 Mio., 100,97 Mio., 108,3 Mio. im ersten Quartal 2026, bis auf 79,2 Mio. Dollar im zweiten Quartal 2026.

Auch im Abwärtstrend bleiben die Zahlen gigantisch: allein in den 30 Tagen vor dem 28. Juli 2026 erzielte Pump.fun 20,06 Mio. Dollar Umsatz und 26,19 Mio. Dollar Gebühren, bei einem kumulierten Handelsvolumen auf dezentralen Börsen von über 93 Mrd. Dollar. Allein im ersten Quartal 2026 machte Pump.fun laut Daten aus der Recherchephase dieser Untersuchung 36 % des gesamten auf der Solana-Blockchain erzielten Umsatzes aus — eine Zahl, die zeigt, wie zentral die Meme-Coin-Ökonomie inzwischen für das Ökosystem geworden ist, keineswegs eine Nische.

Das Geschäftsmodell ist so einfach wie gnadenlos: Jeder kann einen Token für einen Bruchteil eines Cents starten — ohne Entwickler, ohne Whitepaper, ohne Audit. Pump.fun kassiert eine Gebühr auf jeden Kauf und Verkauf entlang der Bonding Curve. Mehr Handel, mehr Gebühren. Ob ein Token eine Stunde oder ein Jahr überlebt, spielt keine Rolle — die Plattform verdient so oder so.


Die Bonding Curve und der Friedhof der 8 Millionen Token

Der technische Mechanismus hinter Pump.fun heißt Bonding Curve: ein Algorithmus, der den Preis eines Tokens danach festlegt, wie viel SOL zu seinem Kauf eingezahlt wurde. Sammelt die Kurve genug Liquidität — historisch rund 85.000 Dollar —, "graduiert" der Token und wird automatisch auf einer dezentralen Börse wie Raydium gelistet, mit gesperrter Liquidität.

Hier werden die Zahlen brutal. Von über 8 Millionen gestarteten Token endeten laut einer von CoinEdition am 4. Januar 2026 zitierten Analyse von Solidus Labs 98,6 % in einem Rug Pull — einem plötzlichen Abbruch des Projekts, der die letzten Käufer mit wertlosen Token zurücklässt. Übersetzt: Von je 1.000 auf Pump.fun erstellten Token sind rund 986 faktisch zum Sterben konzipiert. Weniger als 2 % überwinden die Bonding Curve und erreichen einen echten Sekundärmarkt.

Das ist kein Fehler im System. Es ist das System. Jeder kann kostenlos einen Token erstellen, ihn ein paar Minuten testen und einfach verschwinden, wenn er nicht abhebt. Keine Registrierung, keine Fortführungspflicht, keine rechtliche Konsequenz — denn technisch hat niemand irgendjemandem irgendetwas versprochen.


Sniper-Bots und Bundler: Infrastruktur, die vor dir da ist

Wer glaubt, dass der Kauf eines Meme-Coins in der ersten Lebensminute ihn auf Augenhöhe mit anderen Tradern bringt, irrt sich laut den Daten. Laut einer technischen Recherche von CryptoNews.net vom 9. Juli 2026 erfassen Sniper-Bots zwischen 20 % und 40 % des Gesamtangebots eines neuen Tokens, bevor ein menschlicher Trader überhaupt das Ticker-Symbol auf dem Bildschirm sehen kann.

Der Mechanismus heißt "Bundling" und nutzt Jito, die meistgenutzte Block-Building-Infrastruktur auf Solana: Ein Bundler führt den Token-Deploy und den ersten Kauf in einem einzigen Block, in einer einzigen atomaren Transaktion aus — keine zeitliche Lücke, keine Chance für einen normalen Trader, vorher einzugreifen. 2026 gilt diese Praxis nicht mehr als Nischenvorteil für Insider — sie ist buchstäblich zur "Basisinfrastruktur" für jeden geworden, der einen Token starten will, um ihn mit Verlust an die ersten Käufer weiterzureichen. Dieselben Tools enthalten "Coordinated-Sell"-Funktionen, mit denen Positionen auf 15-20 Wallets gleichzeitig liquidiert werden können — sodass ein Außenstehender einen einzelnen Akteur nicht von einer organisierten Gruppe unterscheiden kann.

Das praktische Ergebnis: Wenn ein durchschnittlicher Nutzer einen neuen Token auf Pump.fun entdeckt und kauft, liegt ein Großteil des günstigsten Angebots bereits in den Händen automatisierter Wallets, die bereit sind, beim ersten Kursanstieg zu verkaufen.


Die Verlustzahlen: bis zu 5,5 Mrd. Dollar von Nutzern verbrannt

Wenn Pump.fun über eine Milliarde Dollar eingenommen hat, hat jemand anderes die Rechnung bezahlt. Laut Daten, die CoinEdition am 4. Januar 2026 meldete — seither nie widerlegt —, verloren Pump.fun-Nutzer zusammen zwischen 4 und 5,5 Mrd. Dollar, gegenüber Plattformeinnahmen, die damals auf 935,6 Mio. Dollar geschätzt wurden. Der Satz, der das Paradox zusammenfasst — auch in den Klageschriften des laufenden Verfahrens zitiert — ist unverblümt: "Pump.fun made $935.6 million while users allegedly lost $4-5.5 billion."

Ein separater Bericht von Bitcoin Insider, zitiert während der Recherche Ende Juli, schätzt, dass mehr als 60 % der Wallets, die auf Pump.fun gehandelt haben, mit Nettoverlust geschlossen haben. Ein weiteres Detail sticht heraus: Vor den im ersten Quartal 2026 eingeführten Gebührensenkungen teilten sich die Token-Ersteller — also diejenigen, die die Projekte tatsächlich lancierten — insgesamt nur 60 Mio. Dollar, also 6,5 % der Plattformeinnahmen. Die restlichen 93,5 % blieben bei Pump.fun. Erst nach Protesten der Community senkte die Plattform die pauschale Gebühr von 1 % auf eine gestaffelte Skala zwischen 0,05 % und 0,95 %.

Im Februar 2026 verkauften die Gründer der Plattform laut einem Bericht von CoinAlertNews zudem Token im Wert von 10 Mio. Dollar (PUMM) — mitten in einer Marktkrise. Ein Detail, das zusammen mit der in der Klage formulierten Vorwurf, die Gründer hätten privilegierten Zugang genutzt, um neue Token vor der Öffentlichkeit zu kaufen und dann an Kleinanleger weiterzuverkaufen, den Verdacht eines strukturellen Interessenkonflikts zwischen Plattformbetreibern und denen nährt, die dort ihr eigenes Geld einsetzen.


Aguilar v. Baton Corporation: fünf Monate Schweigen in Manhattan

Die Klage, die am schwersten auf Pump.funs Zukunft lastet, heißt Aguilar v. Baton Corporation Ltd., eingereicht am 30. Januar 2025 beim US-Bezirksgericht für den Southern District of New York unter dem Aktenzeichen 1:25-cv-00880. Baton Corporation ist die Gesellschaft, die Pump.fun betreibt.

CourtListener-Docket-Deckblatt für Aguilar v. Baton Corporation Ltd.
Deckblatt des Dockets 69593359, Aguilar v. Baton Corporation Ltd. d/b/a Pump.Fun, SDNY 1:25-cv-00880 (Quelle: CourtListener)

Der Prozessverlauf, rekonstruiert anhand öffentlicher Unterlagen auf CourtListener und Updates der Klägeranwälte Wolf Popper und Burwick Law, ist dicht: Am 25. Juni 2025 fasst Richterin Colleen McMahon den Fall Aguilar mit einem verwandten Verfahren (Carnahan) zusammen und benennt Michael Okafor als Lead Plaintiff. Am 22./23. Juli 2025 kommt eine erste Ergänzung, die RICO-Vorwürfe hinzufügt — das Bundesgesetz gegen organisierte Kriminalität — und die Beklagtenliste um Solana Labs, Jito Labs und 14 weitere individuelle Beklagte erweitert, darunter Anatoly Yakovenko (CEO von Solana Labs) und Lucas Bruder (CEO von Jito Labs).

Im September 2025 reicht ein vertraulicher Informant 5.000 interne Chat-Protokolle beim Gericht ein und überzeugt die Richterin, eine weitere Ergänzung zuzulassen. Am 7. Januar 2026 folgt die Second Amended Consolidated Complaint, diesmal gestützt auf 15.000 interne Nachrichten als Beweismittel. Am 9. März 2026 reichen Pump.fun und die weiteren Beklagten formell ihren Antrag auf Abweisung (Motion to Dismiss) ein, mit der Begründung fehlender Zuständigkeit und dem Argument, die auf der Plattform gestarteten Token seien keine "Securities" im Sinne des Bundesrechts.

Seither: Schweigen. Der letzte bekannte Schriftsatz stammt vom 13. April 2026 — vermutlich die Erwiderung der Kläger auf den Abweisungsantrag. Ein eigens zu der Frage "Wird das SDNY-Gericht bis zum 18. Juli 2026 über die Motion to Dismiss entscheiden?" eingerichteter Prediction Market schloss mit einem klaren Nein. Zum Zeitpunkt dieses Artikels sind mehr als fünf Monate vergangen, seit die Schriftsatzfrist zum Antrag geschlossen wurde (am 20. Februar 2026), ohne dass Richterin McMahon entschieden hätte. Wichtig ist Präzision: Die RICO-Vorwürfe bleiben genau das — von den Klägern erhobene Vorwürfe, keine gerichtlich festgestellten Tatsachen. Doch allein ihre Existenz, kombiniert mit einer so langen Wartezeit auf eine bloß vorläufige Entscheidung, zeigt ein Ausmaß an Rechtsrisiko, das die Plattform nicht ignorieren kann.


Das Detail, das für sich spricht: ein CLO für 5 Mio. Dollar im Jahr

Und hier kommt das aufschlussreichste Detail der ganzen Geschichte. Im Juni 2026, während die Motion to Dismiss seit Monaten unbeantwortet blieb, schrieb Baton Corporation laut FinanceFeeds eine Stelle als Chief Legal Officer mit einer Vergütung zwischen 1 und 5 Mio. Dollar pro Jahr aus. Die Rolle deckt laut Stellenbeschreibung ausdrücklich die Beziehungen zu SEC, CFTC, FinCEN, OFAC, der EU-Verordnung MiCA, der britischen FCA und Regulierern im Asien-Pazifik-Raum ab, dazu die direkte Leitung von Ermittlungen, Rechtsstreitigkeiten und Anfragen der Strafverfolgungsbehörden.

In derselben Anzeige beansprucht Baton Corporation ein Tagesvolumen von über 300 Mio. Dollar und einen Gewinn von mehr als 500 Mio. Dollar allein im Jahr 2025, bei rund 100 Mitarbeitern. Ein Unternehmen dieser Größe, das für eine einzige juristische Position ein Gehalt auf Wall-Street-Führungskräfte-Niveau bietet — mitten in einem RICO-Verfahren mit einem noch offenen Abweisungsantrag —, ist kein Zufallsdetail. Es ist eine Investition, die zeigt, wie ernst das Unternehmen sein eigenes rechtliches Risiko nimmt, unabhängig davon, wie das laufende Verfahren ausgeht.


Pump.fun GO: wenn ein Bounty zum gefährlichen Anreiz wird

Es ist nicht das erste Mal, dass Pump.fun aus Gründen jenseits der Finanzwelt Schlagzeilen macht. Im November 2024 geriet die Plattform bereits wegen extremer Inhalte im Livestream in die Kritik — Selbstverletzung, Tierquälerei, rassistische Inhalte —, verbreitet über die in Token-Launches integrierten Livestream-Funktionen.

2026 wiederholte sich das Muster mit Pump.fun GO, einem "Bounty"-Marktplatz, der SOL-Zahlungen für die Erfüllung bestimmter Aufgaben zur Token-Promotion verspricht. Zu den aufgedeckten Kontroversen zählen: Nutzer, die für Werbetattoos im Gesicht bezahlt wurden, und — der schwerste Fall — ein Bounty von rund 700.000 Dollar für denjenigen, der seinen eigenen Suizid live streamt, später nach Protesten von der Plattform entfernt. Es ist nicht das erste Mal, dass ein finanzieller Anreiz auf Pump.fun die Grenze zwischen toxischer Unterhaltung und echtem Schaden für Menschen überschreitet — ein Muster, das sich im Abstand von zwei Jahren wiederholt und zeigt, dass die internen Kontrollen sich nicht ausreichend verändert haben.


Das regulatorische Paradox: verboten in London, frei in New York

Zum Schluss das Detail, das die Grauzone, in der Pump.fun operiert, vielleicht am besten zeigt. Am 3. Dezember 2024 erklärte die britische Finanzaufsicht FCA Pump.fun für britische Nutzer für "unauthorized" — der Plattform fehlten also die nötigen Lizenzen für Finanzdienstleistungen im Land. Pump.fun reagierte noch am selben Tag mit einer Sperrung des Zugangs aus Großbritannien. Die Begründung der FCA war unmissverständlich: Die Plattform bot Finanzdienstleistungen ohne Zulassung an und ließ Nutzer im Verlustfall ohne jeden Schutzmechanismus zurück.

In sozialen Medien fasste der Kommentator Mario Nawfal das Problem in einem viral gegangenen Satz zusammen: Das Geschäftsmodell von Pump.fun beruhe darauf, "Massenkäufe zu organisieren, um Kryptopreise nach oben zu treiben, wobei Kleinanleger oft mit Verlusten zurückbleiben" — eine informelle Beschreibung, die den Kern des oben beschriebenen Mechanismus aus Bonding Curve und Sniper-Bots trifft.

Und dennoch: In London verboten, betreibt die Plattform in New York weiterhin ihr Geschäft, erzielt Rekordumsätze und expandiert sogar — im Mai 2026 startete Pump.fun Multichain-Trading auf Ethereum, Base und BNB Chain, mit einer einzigen Wallet und SOL als Verrechnungswährung, ganz ohne Bridge. Ein Markt hält die Plattform für zu riskant für die eigenen Bürger. Ein anderer lässt sie ungebremst wachsen, während ein Gericht — fünf Monate später — noch entscheidet, ob auch nur ein Teil der Vorwürfe zutrifft.

Der Milliarden-Zähler läuft derweil weiter. Und die 8 Millionen toten Token liegen dort, im On-Chain-Friedhof von Solana, als stiller Beweis dafür, wie schnell ein Experiment, das zur Industrie wurde, sich in einen Mechanismus verwandeln kann, den manche Innovation nennen — und andere schlicht: eine Falle.

Quellen: DeFiLlama (28.7.2026), CoinEdition (4.1.2026), Solidus Labs, CryptoNews.net (9.7.2026), Bitcoin Insider, CoinAlertNews, CourtListener Aktenzeichen 69593359, Burwick Law, Wolf Popper, Law360 (9.3.2026), FinanceFeeds (Juni 2026), BeInCrypto, CryptoTimes (26.5.2026). Klage: Aguilar v. Baton Corporation Ltd., SDNY 1:25-cv-00880, Richterin Colleen McMahon.

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By Segugio — Market Analyst at BitcoinMarket.net.

Published: 2026-08-11 | Last updated: 2026-08-11